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Jahresrückblick 2007

2007 war musikalisch irgendwie so wie 2006. Nur schlimmer. Zumindest wenn man keinen gescheiten Radiosender empfing oder sich nicht auf Insidertips verlassen konnte / wollte. Denn dann sass man da, im Jammertal des Indierocks, des Emopops und verpasste unter anderem die Rückkehr der Elektronik in die Rockmusik, den Triumph von Damon Albarn oder gar das Voranschreiten des New Raves. Ja, 2007 liess es sich verdammt gut Musik hören, wenn man denn nur wollte.

Beginnen wir also mit dem Schund, den Kajalrockern, den Emos. Pubertierende Jammerlappen mit Pickeln, schlechtem Kajalstrich und uninspirierten Texten. Die Welt ist grausam zu uns sensiblen Individualisten, sie ist böse, gemein und ach so ungerecht.

Ich sage: Ja und? Wen zum Geier interessiert dieser Schrott? Gejammert wurde immer schon, hat aber nie etwas verändert. Geschminkte Männer sahen bei Kiss oder Rocy Music besser aus und Instrumente beherrscht eh fast jeder besser. Austauschbare Stimmen und Texte als Soundtrack für eine Generation, die sich ihre Persönlichkeit bei H&M zusammen kauft. Weltverweigerung als Jugendkultur? Hab es schon mal, aber Punk ist nicht zu Unrecht tot. Warten wir also nach Grunge und Britpop auf die nächste wirkliche Jugendbewegung, die auch nachhaltig beeindruckt. An dieser Stelle muss gesagt werden, Techno ist keine Bewegung, sondern geistige Verwirrung.

Nervende Gören gab es 2007 leider immer noch. Nevada-Tan, La Fee. Den Vogel angeschossen aber hat Jimmy Blue, oder wie der Ochsenknechtnachwuchs heißt. Setzt sich ein schräges Hütchen auf, posiert wie ein zu kurz geratener Justin Timberlake und lässt im Hintergrund minderjährige Möchtegern Lolitas tanzen. Die Musik klingt dann nach einem übermotivierten Produzenten mit Kaffeeüberdosis. Zich mal durch den Computer gejagt und für charttauglich empfunden. Für die visuelle Umsetzung besorgt man sich dann noch einen lächerlichen Choreographen et voila, Talentlosigkeit hat wieder einmal gesiegt. Aber immerhin, dank solcher Testobjekte für von der Leyens Alkoholeinkäufe im Supermarkt weiß man handgemachtes immerhin wieder mehr zu schätzen.

Hip-Hop nervt immer noch. Bushido, Fler, KIZ. Berlin ist die Hölle und Aggro Berlin gehen überall ein und aus, äußern sich ungefragt zu allem und haben hinterher viel erzählt, aber doch nichts zu sagen. Es wird geprollt, beleidigt und skandiert bis einem das sinkende Niveau zu spontanem Brechreiz in der U-Bahn animiert. Über die dort vorhandenen Anhänger dieser Ohrenfolter lasse ich mich mal lieber nicht aus. Egal was ich sage, ich bräuchte erst einmal ein Wörterbuch um meine Gedanken in deren Sprache übersetzen zu können. Angenehm positiv hebt sich allerdings die Altherrenliga vom Proletariat ab. Die fantastischen Vier kamen zurück, gaben sich gewohnt lässig und verwiesen die jugendlichen Platzhirsche gekonnt auf die Plätze. Hip-Hop made in Germany, gefällt ja doch und macht dabei auch Spaß.

Überhaupt bietet die deutsche Mundart wieder erfrischendes wie lange nicht mehr. Tocotronic setzen sich mit „Kapitulation“ ganz selbstverständlich in das Plattenregal und machen es sich dort neben Locas in love und Karparenhund gemütlich. Sportfruende Stiller haben sich vom Fußball erholt und alles ist Roger. Die Ärzte fallen in ein kreatives Loch und finden selbst dort mehr Glanzlichter als so manch anderer und Herbert Grönemeyer hat nach seinem persönlichen Opus Magnus „Mensch“ einen würdigen Nachfolger zustande gebracht. Live unterwegs streiten sich die Beatsteaks mit Seed um den Konzertkönig 2007. Vielleicht gewinnt aber auch ganz wer anders, ist ja noch nicht vorbei, die Konzertsaison.

Spaß hat es auch gemacht, das Ergebnis der neuen Babyshambles Platte „Shotter’s Nation“ anzuhören. Der Britpop hat überlebt, wird überleben. Dank einem Songwriter wie Pete Doherty. Wer braucht schon Röhrenjeanstragende Indierocker? England ist zurück und schickt mit den Klaxons, Bloc Party und Maximo Park ins Rennen. Zum Zugpferd wird allerdings das Projekt The Good, the Bad & the Queen. Damon Albarns Allstarband könnte auch „London Calling Volume 2“ heißen. Einst mit Blur gegen Oasis verloren, mit den Gorillaz Musikgeschichte geschrieben und jetzt sogar Noel Gallagher wohlwollende Worte entlockt.

Der hingegen muss 2008 beweisen, ob er „Don’t believe the truth“ steigern und wieder zu alter Hochform gelangt. Und was da nicht alles noch auf uns zukommen wird. Die Reunion und das neue Album von The Verve. Back to the roots mit den Toten Hosen. Ein neues Album von Depeche Mode, vielleicht auch was von Muse. Oder gar Franz Ferdinand? Kündigt Roger Waters das nächste Pink Floyd Zusammentreffen an? Werden Konzerttickets noch teurer und wer wirft das nächste Vermarktungskonzept auf dem Markt um Radiohead zu übertrumpfen? Vielleicht wird 2008 aber auch ganz unspektakulär. So mit Indierock aus Holland und Elektro aus Italien. Mit einem richtigen Sommerhit. Mit neuen Unpersonen und... irgendwie ... mit Musik.

PS:
Kein Rückblick ohne die Stimme des Volkes, Noel Gallagher. Der schlug sich immerhin als nächsten Premierminister in England vor. Gewonnen hat ja bekannter Weise jemand anders, das Wahlprogramm aber war bestechend:
"I might stand for election myself, to be honest. I've worked this out and I reckon I could sort out the country in a year and a half. I'd definitely bring back hanging - that's for starters. All these violent offenders - you get convicted three times by three separate juries then you're going to the gallows. If by any off-chance some evidence comes up that you might have been innocent and could prove it beyond reasonable doubt, then your next of kin gets £500,000. Vote for me. The streets would be a lot safer and I could sort public transport out - half a year, that would take."

Na dann.. wäre auch zu schön geworden.
26.12.07 19:54
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Toter Winkel / Website (31.12.07 16:07)
Tatsache, der Rückblick ist nicht nur gelungen, er ist sogar genial. Die zynischen Worte und die genialen Bezeichnungen, herrlich. Da sind Gedanken drinnen, die ich auch shcon lange habe.
Ich schaue ja nie fern und hör kein Radio, nur verschont wird man trotzdem nicht von all den Dingen die du beschreibst, ein jammer.
Ich würde mich sehr freuen hier wieder etwas von dir zu lesen, den Jahresrückblick im Musikexpress hab ich mir gar nicht mehr angeschaut, wenn du hier weiter schreiben würdest, wäre das weit besser, als vieles in den gängigen Zeitschriften.

Allerdings fehlt in deinen letzten Absätzen DAS Comback des nächsen Jahres. Vielleicht treffen wir uns dort ja, für mich als Österreicherin ein Grund nach Nürnberg zu fahren, keine Kosten und Mühen zu scheuen.

Grüße,
Winkel


kali-jade / Website (14.2.08 17:57)
Hallo Winkel.

Ja, es hat gedauert. Ich bin leider jemand, der den / die / das eigenen / eigenes Blog leicht vergisst. Doch ich gelobe Besserung. Daher jetzt erst einmal ein Danke an den ersten Kommentar, den ich hier lesen durfte.

Manche Themen sind wie Schlagzeilen in der BILD. Man will sie nicht kennen, aber man wird überall damit konfrontiert. Musik verfolgt mich ja bis in die Umkleidekabine. Und dann eben nicht die, die bei mir konsumfördernd wirkt. Ob die nicht wollen, dass ich lange im Laden verweile? Aber so bin ich auch dankbar, denn ohne schlechte Musik wäre der Jahresrückblich wesentlich kürzer ausgefallen. Aber das du meinen gleich mit dem Musikexpress vergleichst, oh ha. Das lasse ich mir sogar gefallen. Beim Rolling Stone aber hätte ich gestreikt

Welches Comeback meinst du denn? Howard Carpendale? Ich denke mal nicht und bitte um Aufklärung.

Viele Grüße
Sonja


Toter Winkel / Website (7.6.08 12:00)
Hey,

sehr verspätet hier die Antwort: Ich meinte Rage Against the Machine, und jetzt seh ich sie sogar hier in Österreich!

Schöne Grüße,
Clara

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